Tourtag 1: Crashtest in Schwedt

31. Mai 2012 | 09:55 Uhr

 

Mit Rotkäppchen-Sekt in den Bechern, Adrenalin im Blut und einem stärkenden Grußwort von Ulrich Mählert, Projekt-Pate von der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur, im Rücken rollen wir aus Berlin raus und rein in den ersten Tourtag. Gunther Scholz und sein Filmteam sind von Anfang an dabei und genauso gespannt wie wir: Was passiert? Wen treffen wir? Wie bestehen wir den „Chrashtest mit der Wirklichkeit“, von dem Gunther sprach?

Die Stimmung pendelt sich irgendwo zwischen Ferienlagervorfreude und dem Gefühl ein, dass in den kommenden zehn Tagen etwas Großes auf uns wartet. Auch große Herausforderungen, denn schließlich steuern wir nicht nur Gute-Laune-Paradiese an, sondern bewusst Orte, an denen die dritte Generation Ostdeutscher noch viel bewegen kann. Wie in Schwedt, unserem ersten Tourstopp.

Wir fahren vorbei an den Uckermärkischen Bühnen, einem sozialistischen Prachtbau mit kupferfarben glänzender Glasfassade, der an den abgerissenen Palast der Republik in Ostberlin erinnert. Am Abend werden wir dahinter mit zehn Protagonisten aus Politik, Wirtschaft und Kultur diskutieren, wie man junge Menschen wieder für Schwedt begeistern kann. „Teil der Lösung!“ haben wir den Abend übertitelt, wir wollen konstruktiv nach vorne schauen. Unter den Diskutanten sitzt auch Dimitri Hegemann. Er hat den Berliner Techno-Club Tresor gegründet und arbeitet gerade im Auftrag der Stadt daran, Schwedt „cooler“ zu machen.

Teenager und Plattenbauromantik

Einen guten Club könnte Schwedt brauchen, bestätigen uns auch die Teenager, die wir mittags auf dem „Platz der Befreiung“ zwischen Plattenbauten und Supermärkten treffen. Sie alle werden nach der Schule wohl weggehen, sagen sie, vor allem, weil der Arbeitsmarkt kaum Perspektiven bietet. Auch in den Schulworkshops im Gauß-Gymnasium kommt dieses Thema auf. Es muss etwas passieren!

Unter dem grauen, wolkenverhangenen Himmel wirken unsere bunten Sonnenschirme und Liegestühle ein wenig verloren, ziehen aber jede Menge Blicke auf sich. Wir sprechen mit der vierten, zweiten und ersten Generation – von den „Dritten“ laufen uns nur wenige über den Weg, auch später beim geführten Spaziergang durch die Stadt, die nach 1961 um Papierfabrik und Chemiekombinat herum in klassisch sozialistischer Manier angelegt wurde. Von den gigantischen Plattenbauwüsten wurden große Teile nach der Abwanderungswelle in den 1990er Jahren wieder abgerissen.

„Wir müssen polnischer werden!“

Am Abend verdichtet sich das graue Bild: Das Lohnniveau ist niedrig, die Schüler vermissen ihr Schwimmbad, die von Schließung bedrohte Kinderklinik sucht händeringend nach einem Arzt. Bürgermeister Jürgen Polzehl war am Vorabend höchstpersönlich mit einem potenziellen Kandidaten essen. Aber auch Lösungsansätze zeichnen sich ab. Und einige motivierte junge Schwedter sitzen mit an den Diskussionstischen. Sie lieben ihre Heimat und wollen etwas bewegen.

Aber Schwedt muss sich für die dritte und vierte Generation öffnen, Hausverwaltungen dürfen sich bei WG-Gründungen nicht quer stellen, höhere Gehälter und ein breiteres kulturelles Angebot müssen her. Und: Der Austausch mit dem benachbarten Polen ist ausbaufähig, denn hier wartet eine aufgeschlossene dritte Generation auf Perspektiven. „Wir müssen polnischer werden!“ resümiert Intendant der Uckermärkischen Bühnen Reinhard Simon.

Wir nehmen jede Menge Impulse und Kontakte mit, als wir im Dunkeln mit unserem großen silbernen Bus zur alten Tabakfabrik in Vierraden rollen, wo wir den Abend bei Wein und spontanem Biografie-Austausch ausklingen lassen. Das beeindruckende Gelände entpuppt sich als heimliches Highlight des Tages: Von 1990 an stand das historische Gebäudeensemble leer, bis Engagierte im Jahr 1999 den kunstbauwerk e.V. ins Leben riefen. Zwischen roten Backsteinen und alten Holzbalken begegnen sich hier Studierende von Hochschulen aus Polen und Brandenburg und andere Gruppen. Die wichtigste Veranstaltung ist seit über zehn Jahren das deutsch-polnische Kunstsymposium „oder | odra“: Jeden Sommer bespielen Künstler die wunderschönen Räume mit Arbeiten und entwickeln gemeinsame Positionen. Teil der Lösung!

Illustration: Alexander Fromm, Text: Sabine Weier