Aufarbeitung in Bautzen

4. Juni 2012 | 07:25 Uhr

 

Wendekind Sven Riesel, Jahrgang 1980, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Bautzen die berüchtigte Geschichte des Stasigefängnisses in der sächsischen Stadt auf. Sowohl im Stasiknast als auch im zweiten Bautzener Gefängnis, dem „Gelben Elend“, saßen unzählige politische Gefangene ein. Wir sprachen mit Sven über seine Arbeit, über seine Wahlheimat Dresden und über „Ossis“ und „Wessis“.

Bist Du Bautzener?

Nein, ich komme aus Pulsnitz in der Westlausitz. Studiert habe ich in Dresden, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Germanistik. Da wohne ich auch seit über zwölf Jahren, jetzt pendle ich nach Bautzen. In der Gedenkstätte habe ich schon während des Studiums gearbeitet, Führungen und Schülerprojekte durchgeführt und Rechercheaufgaben übernommen. Nach dem Studium habe ich für kurze Zeit noch mal in einem anderen Museum gearbeitet, aber dann hat es mich wieder zurück zur Gedenkstätte Bautzen gezogen. Mich hatte das Thema nicht losgelassen – ich finde das einfach spannend und auch wichtig, die Geschichte der politischen Gefangenschaft im 20. Jahrhundert aufzuarbeiten.

Du führst uns durch die Gedenkstätte, was erwartet uns?

Das Gefängnis, das als Stasiknast traurige Berühmtheit erlangt hat, liegt mitten in einem Villenviertel, in dem man so einen Knast gar nicht vermutet. Anhand von einzelnen Geschichten und Lebensläufen werde ich Wege nach Bautzen und die Methoden der Stasi veranschaulichen. Schon ab 1933 waren in Bautzen die ersten Unschuldigen eingesperrt, nach dem Krieg nutzten die sowjetischen Besatzer die Haftanstalten und auch in der DDR waren dann politische Gefangene inhaftiert. Die Bezeichnung „Gelbes Elend“ für das zweite Gefängnis in der Stadt ist vor allem in der älteren Generation bekannt, das liegt an den gelben Ziegelsteinen, aus denen das Gebäude erbaut wurde, „Elend“ natürlich wegen den schlechten Haftbedingungen. Heute ist es als JVA Bautzen immer noch in Betrieb.


Für Dich ist die Stasigeschichte schon allein wegen Deiner Arbeit sehr präsent. Aber wie ist das denn ansonsten im Alltag der Menschen?

Es gibt ein ganz deutliches Gefälle in der Wahrnehmung dieses Themas. Die ältere Generation hat natürlich ganz konkrete Erinnerungen daran. Bei der dritten Generation ist das ja schon anders. Wenn ich an die DDR denke, dann vor allem an samstags Schule und den Geruch im Intershop. Oder an die Zeit, in der die Mauer fiel – was das für eine Unruhe war und wie alle gar nicht wussten, was da gerade passiert und wie es jetzt weitergeht. Ich selbst habe einen sehr geschichts- und kulturinteressierten Freundeskreis, da ist die Stasivergangenheit immer mal wieder Thema, aber im Großen und Ganzen könnte das mehr werden. Die ältere Generation hat großes Interesse an der Gedenkstätte, weil sie zum Beispiel jemanden kennen, der da mal einsaß. Den Jüngeren muss man oft erst klar machen, was für eine Bedeutung eigentlich dahinter steckt.

Du hast Dich für Dresden als Wohnort entschieden, wie lebt es sich dort?

Die Stadt ist einfach unschlagbar, gerade für unsere Generation. Das Kulturleben gibt jede Menge her. Im Gegensatz zu vielen anderen ostdeutschen Städten ziehen hier viele aus unserer Altersgruppe her, es gibt junge Familien, auch Engagement und Initiativen. Wird zum Beispiel eine Kita geschlossen, nehmen die Leute das nicht einfach hin, sondern wehren sich mit einer Elterinitiative.

Hast Du das Gefühl, dass es Deine Persönlichkeit beeinflusst hat, in zwei Systemen aufgewachsen zu sein?

Sich selbst einschätzen, ist ja immer schwierig. Aber ich würde schon sagen, dass das prägend war. Für mich ist es schon allein für die Arbeit wichtig, die DDR noch gekannt und darin gelebt zu haben. Dadurch habe ich zum Beispiel einen einfacheren Zugang zur zweiten Generation, was ja auch für meine Arbeit wichtig ist. In zwei deutschen Staaten aufgewachsen zu sein, war jedenfalls kein Nachteil für mich. Aber ich muss ehrlich sagen: Mir geht das Ost-West-Gerede manchmal schon auf die Nerven. Schließlich verfolgen wir einen europäischen Gedanken – ob „Ossi“ oder „Wessi“.

Illustration: Alexander Fromm, Interview: Sabine Weier