Mecklenburg-Vorpommern als „Laboratorium“

Wissenschaftler Martin Koschkar über Chancen der Wendekindgeneration

– Von Martin Koschkar –

Im Herbst 2014 wird das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls begangen. Jedes Jubiläum lädt dazu ein, zurückzuschauen, aber auch zukünftige Aufgaben zu skizzieren. In 25 Jahren hat sich in den neuen Bundesländern viel verändert. Ein Prozess mit Licht und Schatten und Mecklenburg-Vorpommern stellt keine Ausnahme dar. Die Härten der Transformation waren im Nordosten Deutschlands erheblich spürbar: Wirtschaftlicher Umbau, Arbeitslosigkeit und Abwanderung prägen nicht nur die Außenwahrnehmung MVs. Gleichzeitig erstrahlen Hansestädte in neuem Glanz und sind mit einer Küstenautobahn verbunden, das Land ist erfolgreiche Tourismusdestination und Gesundheitswirtschaft und Erneuerbare Energien haben sich zu Zukunftsfeldern entwickelt. Das „Land am Rand“ bietet Chancen für neue Wege und nicht jeder negative Aspekt beruht auf der oft zitierten tradierten Rückständigkeit der Mecklenburger und Vorpommern. Im Sinne eines „Laboratoriums“ bietet Mecklenburg-Vorpommern die Möglichkeit Folgen und Entwicklungen der Transformation und Prozesse wie Binnenmigration und demografischen Wandel zu verstehen, und aus ihnen zu lernen.

Dies betrifft auch die so genannte „Dritte Generation Ost“, die seit 2009 in verschiedenen Initiativen auf sich aufmerksam gemacht hat. Sie wird seither vielfältig diskutiert, eine erste selbstbesetzte Bezeichnung verortete die Generation in den Jahrgängen 1975 bis 1985 in der DDR Geborener. Das betrifft etwa 2,4 Millionen Menschen.
Diese nicht-wissenschaftliche Eingrenzung tangiert auch mich: Als gebürtiger Mecklenburger des Jahrgangs 1982 bin ich im Sommer 2012 auf die „Dritte Generation Ost“ aufmerksam geworden. Als Politikwissenschaftler arbeite ich seither in verschiedenen Projekten, um die Rolle der Generation im Deutschland des 21. Jahrhunderts besser zu verstehen. Die Entwicklung meines Heimatbundeslandes Mecklenburg-Vorpommern liegt mir dabei besonders am Herzen. Trotz vieler Probleme sehe ich hier auch klare Chancen – MV als „Laboratorium“: Die Generation der Wendekinder kann und muss hier einen aktiven Beitrag leisten.

Die „Dritte Generation Ost“ ist dabei keine festgefügte Gruppierung für die jemand in Allgemeingültigkeit sprechen kann, sondern eher ein Gedanke oder eine Vision, woraus jedoch aktives Handeln von Menschen entsteht. Unter dem Motto hat sich ein Netzwerk – Die „3te Generation Ost“ – etabliert, das Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenführt. Alle eint die Umbruchserfahrung von 1989/90 und der folgende Transformationsprozess. Im Rahmen des Netzwerkes hat sich eine kleine Untergruppe von Geistes- und Sozialwissenschaftlern gebildet, die gezielt an der Erforschung der Generationenfrage arbeitet. Hier möchte auch ich meinen Beitrag leisten. Ich sehe dabei drei zentrale Punkte: Die Eigenschaften der Wendekinder, die Rolle der Generation im politischen System und die Debatte um unsere Beitrag im Deutschland des 21. Jahrhunderts.

Die Eigenschaften von Wendekindern werden seit dem Generationentreffen 2013 in Berlin unter dem Stichwort „Transformationskompetenz“ diskutiert und erforscht: Haben Menschen mit einer doppelten Sozialisation – d.h. Kinder- und Jugendzeit sowohl in DDR als auch BRD – durch die Erfahrung der Transformation bestimmte Eigenschaften entwickelt, die sie sich auch heute nutzbar machen können? Kompetenzen zur Bewältigung von Transformationsprozessen, also der Umgang mit Wechsel und Wandel wären denkbar. In Berlin wurden mit einem Augenzwinkern Begriffe diskutiert wie „Phönix-Kompetenz“ – nach dem mythischen Vogel, der verbrennt, um aus seiner Asche wieder neu zu erstehen – oder auch „MacGyver-Kompetenz“ – mit Blick auf den kreativen Umgang, mit einfachsten Möglichkeiten Situationen zu meistern. Dies ist auch ohne Augenzwinkern eine spannende Frage: Solche Erfahrungen können für Menschen in anderen Ländern interessant sein, die Transformationsprozesse durchlaufen. Wir versuchen momentan diese Eigenschaften besser zu verstehen und wissenschaftlich zu erschließen. In einem Projekt werden an der Fallgruppe ostdeutscher Landtagsabgeordneter erste Hypothesen untersucht. Die Ergebnisse können im Herbst der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Der zweite Punkt betrifft die Ausprägung der „Dritten Generation Ost“ allgemein. Auf Basis der ersten Ergebnisse gibt es die Bemühung, die Forschungsfragen auf weitere Personenkreise auszuweiten und so die Verortung im politischen System der BRD besser zu verstehen. Die Betrachtung von Ehrenamt und Zivilgesellschaft sind hier ebenso enthalten wie die Analyse von Abgeordneten, Regierungs- und Verwaltungsmitarbeitern. Ein weiterer Schwerpunkt bildet die Wahlforschung: Wählen Wendekinder anders? Am Beispiel Mecklenburg-Vorpommern zeigt sich mit Blick auf die letzten 25 Jahre, dass zunächst eine große Abwanderung der entsprechenden Alterskohorte attestiert werden muss. In der zunehmend überalterten Mitgliederstruktur der Parteien nehmen die Wendekinder eine Minderheitenposition ein. Das Wahlverhalten ist ambivalent – im städtischen Bereich profitieren insbesondere Bündnis 90 / Die Grünen von Wählerinnen und Wählern der Altersgruppe, im ländlichen Vorpommern hat die NPD einen überdurchschnittlichen Zulauf. Auch hieraus ergeben sich weitere Untersuchungsfragen, von denen auch Maßnahmen der politischen Bildung, der Präventions- und Aufklärungsarbeit profitieren können. Fakt ist, dass die Altersgruppe für öffentliche Positionen an Bedeutung gewinnt. Dies war bereits in Ansätzen bei der Kommunalwahl 2014 erkennbar. In der ehrenamtlichen Arbeit – politisch und zivilgesellschaftlich – zeichnet sich ein zunehmender Generationenwechsel ab. Wendekinder werden auf der Suche nach neuem Personal für ehrenamtliche Bürgermeister- oder Vereinsposten eine aktive Rolle spielen müssen.

Dies führt zum dritten Punkt: Der Debatte um den Beitrag einer „Dritten Generation Ost“ im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Ich glaube, dass der Gedanke dieser Generation lebendig ist, auch in Mecklenburg-Vorpommern. Viele der Wendekinder haben sich vielleicht über eine lange Zeit nicht mit ihrer Herkunft oder mit den Erlebnissen aus ihrer Kindheit und Jugend auseinandergesetzt. Etwa, weil sie damit zu tun hatten, ihren Platz in der neuen Gesellschaft zu finden. Heute fragen sie sich jedoch: Was hat der Transformationsprozess mit mir gemacht? Wie habe ich die Umbruchszeit oder die doppelte Sozialisation vor und nach 1989/90 erlebt, wie meine Eltern und Freunde? Im Regionalnetzwerk der „3ten Generation Ost MV“ spielt deshalb auch die Biografienarbeit eine zentrale Rolle. Beim regionalen Generationentreffen im Mai 2014 in Rostock gab es einen entsprechenden Workshop, auf den weitere Veranstaltungen folgen werden. Mit Blick auf die Vergangenheit wird dabei jedoch stets die zukünftige Entwicklung mitgedacht. Diese beiden Perspektiven schließen sich nicht aus, sondern sollten Grundlage unseres Handelns bleiben. Das Regionalnetzwerk kann hierbei Anlaufpunkt für alle Interessierten sein.

Die Verantwortung für die zukünftige Gestaltung unseres Bundeslandes sollte ein Maßstab für unseren Beitrag sein. Die Dagebliebenen der „Dritten Generation Ost“ in MV müssen sich mit den Abgewanderten, Zurückgekommenen und den Zugewanderten dieser Aufgabe bewusst sein und die aktuellen und zukünftigen Probleme gemeinsam angehen. Das „Laboratorium“ Mecklenburg-Vorpommern setzt dabei Kreativität, innovativen Aktivitäten und Projekten positive Rahmenbedingungen. Diese gilt es zu nutzen. Jede und Jeder kann sich einbringen.

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